Fazit:
"Es gibt keinen Grund, sich zu entschuldigen." Roman
= Fiction = erdacht und erfunden! |
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"Es gibt keinen Grund, sich zu entschuldigen." So oder so
ähnlich leitet Walser seinen Skandalroman ein. Wo er Recht
hat, hat er Recht! Schließlich ist das Buch erfunden, Fiktion,
unpersönlich - und trotzdem provokant. Aber nur für den, der
sich provozieren lässt.
Man kann sich eben auch stur stellen oder die Tatsache des
Holocaust zum herumpalavern missbrauchen.
Für den in der Branche involvierten Leser oder Liebhaber des
Literarischen Quartetts liegt allerdings klar auf der Hand,
dass Walser den Reich-Ranicki meint. Das ist historisch gesehen
auch kein verwundernswerter Rückschluss.
Am 11. Oktober 1998 erhielt Martin Walser in der Fankfurter
Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Vor der versammelten deutschen Politikerelite hielt er eine
Rede, die wochenlang diskutiert werden sollte. So sagte er
unter anderem über den Umgang in der deutschen Öffentlichkeit
mit der NS-Vergangenheit: "Kein ernst zu nehmender Mensch
leugnet Auschwitz; ...wenn mir aber jeden Tag in den Medien
diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, dass sich
in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande
wehrt." Die Erinnerung an Auschwitz eigne sich nicht als
Einschüchterungsmittel oder Moralkeule. Eine Realisierung
des Holocaust-Mahnmals in Berlin wäre für ihn die "Betonierung
des Zentrums der Hauptstadt mit einem fußballfeldgroßen Albtraum".
Der damalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland,
Ignatz Bubis, warf Walser daraufhin geistige Brandstiftung
vor und sagte, dass Leute wie der Ex-Republikaner-Chef Franz
Schönhuber es auch nicht anders formulieren.
Nach weiteren öffentlichen Auseinandersetzungen kam es im
Dezember zur Aussprache. Bubis nahm den Begriff "geistiger
Brandstifter" zurück. Er und Walser waren sich einig, dass
eine angemessene Sprache für den Umgang mit der deutschen
Vergangenheit noch nicht gefunden sei.
Warum hat es eigentlich einen Literaturskandal gegeben?
Worüber wurde überhaupt geredet?
Das Buch an sich kommt im feinsten roten Leinen ganz ohne
Klappentexte aus, man lässt also den Leser jegliche Meinungsbildung
selbst erfahren, ganz ohne Vorprägung oder Einflussnahme.
Allerdings waren schon viele Leser in ihrer Einstellung beeinflusst
worden, da der Mitherausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher,
den Vorabdruck des Walser-Romans ablehnte. Unter dem Vorwurf,
das Werk enthalte antisemitische Tendenzen, sei ein Dokument
des Hasses und eine Mordfantasie, erlaubte sich die FAZ das
unveröffentlichte Buch zu kritisieren. Niemand konnte es wirklich
nachlesen oder kannte den Text. Das ist wahrlich nicht die
feine Art der literatur-kritischen Pressearbeit.
Zudem war die Antisemitismus-Debatte um Jürgen Möllemann
gerade aktuell. Falscher Zeitpunkt, großer Effekt - nicht
nur für den Wahlkampf der FDP positiv, ist "Tod eines Kritikers"
teils schon Wochen vor Veröffentlichung bis in die goldenen
Ränge der Bestsellerlisten aufgestiegen und vorbestellt worden.
Wer Kunst kritisiert, spricht oft mehr über sich selbst, als
es scheint. Das gilt aber auch für Zeitungsverlage, die Rezensionen
über Bücher veröffentlichen. Wenn es dann dazu führt, dass
unveröffentlichte Literatur in die Verbotszone gerückt
wird, verlässt man den sittenhaften Sektor. Das ist eine
Samisdat-Literatur, wie man sie aus den osteuropäischen Diktaturen
zur Zeit des Eisernen Vorhangs kennt. Zumindest ist es für
eine freie und vernetzte Gesellschaft ein unwürdiger Vorgang,
ungedruckte Literatur für politisch vogelfrei zu erklären.
Zum Inhalt:
Wenn der Fernsehkritiker der Sendung ´Sprechstunde`, Ehrl-König,
immer "doitsche Gegenwartsliteratür lesen müsse, beneide
er die Loite von der Müllabfuhr" ... "und weg ist das
Zoig, der Kübel wieder leicht und leer, aber wie lange habe
er, der Keritiker, zu würgen und zu gacksen, bis er so einen
doitschen Gegenwartsroman dort habe, wo er hingehört: in den
Müll. Daß Pelatz ist für das Bessere. Das Gute." An diesen,
dem Walser-Roman entnommenen Zitaten sieht man, dass der Autor
wirklich Reich-Ranicki mit seiner spezifisch-betonten Aussprache
meint und seine persönliche Abneigung, will sagen "saudeutsch",
nachäfft.
Das Buch des Schriftstellers Hans Lach, "Mädchen ohne Zehennägel",
wird in Ehrl-Königs Sendung unsanft behandelt, was wohl der
Auslöser für das plötzliche Verschwinden des Kritikers ist.
Desweiteren treten Charaktere, wie Matthias Landolf, Prof.
Silbenfuchs oder Pilgrim, im Roman Freund des Schriftstellers
Hans Lach, im realen Leben verglichen mit Walsers Verleger,
Siegfried Unseld. Eine sehr eigenartige Namengebung und viele
situationsbeschreibende Textpassagen begleiten den Leser,
ebenso wie ein Nietzsche-Zitat oder die erklärenswerte E-O-Kultur,
die wiederum "saudeutsche" Ejakulation-und-Orgasmus-Kultur,
die epidemisch Schriftsteller und zur Folge dessen Kritiker
züchte.
Verstrickung - Geständnis - Verklärung, das sagt die inhaltliche
Entwicklung des Buches aus, das an diejenigen gewidmet ist,
die Walsers Kollegen sind. Literarische Mordphantasien treffen
den Kritiker, nicht den Juden.
In Bodo Kirchhoffs "Schundroman", das zeitgleich erschienen
ist, stirbt der Kritiker tatsächlich. Auch hier würde
der Leser in der Romangestalt Louis Freytag Reich-Ranicki
erkennen. Der Mord ist allerdings ein Versehen, mit dem Ellenbogen
auf die Nase, dazwischen eine Zeitung mit einem Bild des Kritikers.
Verdächtigt werden daraufhin zwei Schriftsteller. Es
heißt, einer schreibe an einem Manuskript "Tod eines
Kritikers". Auch hier ist alles nur FIKTIV - vielleicht sogar
ein wenig sarkastisch gegenüber der skandalösen
Entwicklungen bezüglich des Walser-Romans. (Robert
Assmann)
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