Fazit:
Mehr als eine einfache Biographie - Ranicki in Bestform!
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Lange Zeit hatte Marcel Reich-Ranicki die Niederschrift seiner
Autobiographie vor sich hergeschoben. Dennoch wurde er von Freunden
und Bekannten ermutigt und gedrängt, von Verlegern mit Geld
gelockt. Sechs Jahre schrieb er an seinen Erinnerungen. Jetzt,
im Alter von 79 Jahren, hat er sie vorgelegt.
Das Buch ist in fünf Teile gegliedert, wobei der Schwerpunkt
auf der Zeit vor 1958 liegt. Die ersten beiden Abschnitte zeigen
die Entwicklung und die Leidenszeit des Schülers und jungen
Mannes, die in höchstem Maße von den Ereignissen der Zeitgeschichte
geprägt ist. Es sind dies die Kindheit in Polen, die Jugend
im nationalsozialistischen Berlin und schließlich die eindringlich
und zugleich in einem ruhigen Tonfall geschilderten Zustände
im Warschauer Getto. Nach dem Neuanfang im kommunistischen Polen
erfolgt dann die Zäsur: Ende Fünfziger zieht es Reich-Ranicki
in die Bundesrepublik.
Dieses Datum markiert einen Einschnittim Leben des Kritikers
und zugleich in dessen Erzählen. Hat er bis dahin seine Persönlichkeitsbildung
als humanistisch geprägter Schüler und junger Mann in der immer
barbarischer werdenden äußeren Welt ausführlich dargestellt,
so erzählt er die folgenden Jahrzehnte nur noch in Episoden.
Zwar kommt manches - z. B. seine Zeit bei der F.A.Z. - etwas
zu kurz, gleichwohl können andere Abschnitte dafür entschädigen:
Die Begegnungen mit Mitgliedern der Familie Mann, sein Porträt
Wolfgang Koeppens oder die jahrelange und letztlich doch gebrochene
Freundschaft zu Joachim Fest werden unterhaltsam wie sensibel
geschildert. Mein Leben ist ein Buch über das Gezeichnetsein
durch die Schrecken des Dritten Reiches und über persönliche
Enttäuschungen. Es ist aber auch ein Buch über glückliche Augenblicke,
sowie über die Liebe, und zwar die zu seiner Frau und - natürlich
- zur Literatur.
Marcel Reich-Ranicki hat im Grunde alles erreicht was ein Kritiker
erstreben kann: Er wurde zum bedeutendsten und einflußreichsten
Kritiker seiner Zeit. Nach wie vor ist er gefürchtet und respektiert
- doch kaum geliebt. Vor allem aber ist er eins geblieben: ein
Außenseiter. Und man spürt über die 560 Seiten hinweg, wie sehr
ihn das geschmerzt hat. So steht gegen Ende des Buches nicht
zufällig ein Zitat des von ihm geschätzten Friedrich Schlegel,
das Reich-Ranicki auf sich selbst bezieht: "Man findet mich
interessant und geht mir aus dem Wege ... Am liebsten besieht
man mich aus der Ferne, wie eine gefährliche Rarität."
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