Fazit:
Kritik fängt mit dem Blick in den Spiegel an - und mit jenem in den SPIEGEL.
(die Redaktion)
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Rudolf Augstein
war ein ausgezeichneter Journalist. Nicht nur das Bundesverdienstkreuz,
die Ehrendoktorwürde einer englischen Kleinstadt oder den
Zuspruch des "World Press Freedom Hero" trugen dazu bei.
Vor allem als SPIEGEL-Chefredakteur hat er einen direkten
politischen Beitrag geleistet - das kostete ihn 1962 für 100
Tage die Freiheit. Es sei ihm zu verdanken, dass Fr. J. Strauss
nie Bundeskanzler wurde. Mit Adenauer versöhnte er sich.
Die Spiegel-Affaire hat das freie und unabhängige Presseorgan
nur noch gestärkt und für öffentlichen Protest gesorgt. Sein
Verdienst ist also die heutige Meinungsfreiheit in Deutschland,
die man erst mit dem Ende von Adenauers Nachkriegs-Ära akzeptierte.
Der biographische Band bietet auch zwei Fototeile von der
Kindheit bis zur Ruhmzeit, umrahmt von Interviews von und
mit Augstein, aber auch Kommentaren und Berichten zur Lage
der Nation. So kritisiert Augstein kurz vor seinem Tod (am
7. Nov. 2002) die amerikanische Irak-Politik.
Er schreibt, was ist und was war! Und zwar teilweise wirklich
zynisch. Auf die Frage eines ZEIT-Redakteurs, ob Augstein
sich sein Leben ohne Frauen vorstellen kann, antwortet er:
"Ich kann doch nicht sagen, dass ich gern ficken möchte, oder
wollen Sie das jetzt hören?"
Durch das seit der Spiegel-Affaire gewachsene Ansehen des
Blattes, kam der Gründer des SPIEGEL in den Genuss von Interviews
mit Gorbatschow, Breschnew, Kissinger, Solchenizyn, Walser,
Erhard, Jaspers, Heidegger, Bloch, Muhammad Ali, Brandt u.a.
Seit 1988 gibt es Spiegel-TV, trotzdem glaubt Augstein, dass
die Reizüberflutung uns irgendwann schadet. Man könne nichts
gegen diese ‚allgemeine Gefahr' tun, so Augstein im Interview
mit Nachwuchsjournalisten des SPIEGEL. Das Wort verliert an
Kraft!
Nach 79 erfolgreichen Jahren und vier Ehen, einem Sohn der
zur Tochter wurde, sowie drei weiteren Kindern und dem Rückblick
als Bundestagsabgeordneter der FDP kann man ihm wirklich ein
Leben für den Journalismus nachsagen. Mit Brillanz vermochte
er es Texte zu schreiben - manchmal unter dem Pseudonym ‚Jens
Daniel'. Jedenfalls ist der SPIEGEL unter Augsteins Führung
nicht mit Antiwerbung groß geworden, wie der STERN mit dem
Skandal der gefälschten Hitlertagebücher.
Das Buch über den einflussreichsten Journalisten der letzten
50 Jahre vereint sein Vermächtnis, seine Moral, und bietet
sogleich Einblick in die Geschichte der deutschen Republik.
Dem chronologisch gegliederten Band ist ein Vorwort von Stefan
Aust, ein Essay von Jürgen Leinemann und ein Nachwort des
Herausgebers beigefügt.
Robert Assmann
(Copyright
© 2004 lesewelt.de)
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